Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Interview mit/with Charlotte Otter

8 Comments

So, hier ist nun das Interview, welches ich mit Charlotte in den letzten Wochen geführt habe. Zuerst gibt es die deutsche Übersetzung und danach das englische Original. Viel Spaß damit!

Deutsche Version:
Wer bist Du? Als Person, als Autorin und als Frau, welche in zwei so unterschiedlichen Ländern gelebt hat?
Ich bin eine nach Deutschland verpflanzte Südafrikanerin. Für eine lange Zeit hatte ich mit dem Gefühl zu kämpfen, mich zwischen den beiden Ländern entscheiden zu müssen, aber jetzt bin ich zur Ruhe gekommen, mit der Gewissheit, dass ich jemand bin, der sich glücklich schätzen kann, zweimal ein Zuhause zu haben. Ich mag die Vorstellung eine Bürgerin der Welt zu sein. Ich bin außerdem eine Reisende, eine Optimistin, eine Feministin, ein Kaffee-Fan und eine eifrige und begeisterte Leserin. Bücher haben mein Leben bestimmt und ich war immer fest entschlossen eines zu schreiben. Es hat eine Weile gedauert, aber letztendlich habe ich begonnen, Balthasars Vermächtnis zu schreiben. Ich habe gemerkt, wenn ich nicht jetzt mit dem Schreiben beginne, würde ich nie anfangen und dann würde ich alt und verbittert sterben ohne je meinen Ambitionen einen Versuch zu gewähren. Und so hab ich es einfach gemacht, glücklicherweise wurde mein erstes Buch veröffentlicht und ich befinde mich jetzt am Höhepunkt der Veröffentlichung meines zweiten Buchs.

Nun gibt es so viele Themen, die ich Dich gerne fragen würde, aber lass uns mit dem literarischen starten: Was war das schlechteste Buch, welches Du je gelesen hast – und warum? Was ist Dein absoluter Favorit? Und ist da ein Buch, welches Dein Schreiben beeinflusst hat?
Ich möchte anderen Autoren keine Geringschätzung entgegen bringen, deshalb nenne ich keine Namen, aber ich lese keine Bücher über Missbrauchsbeziehungen, welche in einem leichten S&M bzw. romantischen Gewand erscheinen. Ich bin es außerdem leid, Kriminalliteratur mit einer aufreizenden Frauenleiche zu lesen – so ein veralterer und beleidigender Tropus (=bildlicher Ausdruck) und so viele Autoren der Kriminalliteratur nutzen dieses Bild.
Ich bin Fan von sehr vielen Autoren, somit ist es schwer für mich, einen speziellen Favoriten zu wählen, aber ich würde niemals etwas von Hilary Mantel, Jane Smiley, Barbara Kingsolver, Donna Tarttt oder Ann Patchett verpassen. Auch ihre Einkaufslisten würde ich freudestrahlend verschlingen. Ich bin immer beeinflusst und inspiriert von der Arbeit anderer, aber meine Lieblingsbücher über das Schreiben sind „On Writing“ von Stephen King und „Bird by Bird“ von Ann Lamott.

Hier ist sie – die aufreizende Leiche einer Frau. Einen Krimi ohne dieses Klischee zu schreiben – war das ein Grund für dich, warum du das Kriminalgenre gewählt hast?
Krimis sind der beste Weg, um meine spezielle Story zu erzählen, das war der Hauptgrund, warum ich sie gewählt habe. Der erste Entwurf war tatsächlich ein Roman, aber ich hatte das starke Gefühl, dass es nicht passt. Als ich es in einen Krimi umwandelte, schien es zu passen. Ich habe eine Menge Krimiautoren gelesen – Ruth Rendell, PD James, Elizabeth George – und ich habe sie bewundert dafür, wie sie das Krimigenre benutzen, um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, was ich auch tun wollte.
Meine Ungeduld mit der sexy Leiche kam später. Je mehr ich las, desto mehr wurde mir bewusst, dass ein Großteil der Kriminalliteratur eine tote Frau als antreibendes Element beinhaltete – und sehr oft eine junge, schöne, nackte Tote. Warum müssen Frauen nackt und tot sein, um einen Krimi erfolgreich zu machen? Warum beginnen viele Krimis in dieser Art und Weise? Und, ist es möglich einen erfolgreichen und spannenden Krimi zu schreiben, der nicht auf einer aufreizenden Leiche basiert?
Die sexy Leiche ist eine Klischee in der Welt der Kriminalliteratur: so üblich, dass es fast gar nicht mehr wahrgenommen wird. Ich lehne das ab. Ich möchte keine Klischees verarbeiten. Und ich möchte Leichen von toten Frauen nicht anziehend darstellen. Das ist viel zu respektlos gegenüber denen, welche Vergewaltigung und Missbrauch erlebt haben oder durch die Hände von Männern getötet wurden. Es ist nichts sexy dabei. Da ist nichts, was cool ist oder ausgefallen. Die Realität ist erschreckend und der Weg, wie wir die Realität in unseren Geschichten darstellen ist nichts weiter als unverantwortlich. Und ich lehne es ab, daran teilzuhaben.

Ich habe auf Deinem Blog dein „I am from“ gelesen. Darin ist Südafrika ein warmer und freundlicher Ort, aber ein Krimi zeigt auch die Schattenseiten eines Landes.
War es für Dich von Anfang an klar, dass Dein Krimi in Südafrika spielen wird? Und wenn Du an Südafrika denkst, hast Du dann zweideutige Gefühle?

Ja, es war immer klar, dass mein erstes Buch in Südafrika, dem Land meines Herzen, spielen würde. Und meine Gefühle für es sind zweideutig: es ist so ein großartiges Land und es muss so viel durchstehen. Es ist sehr enttäuschend für viele Südafrikaner, dass, obwohl das Land Demokratie erlangt hat, es unfähig ist, die Leute aus der Armut zu befreien. Wir haben die Apartheid abgeschafft, aber Millionen von Menschen leiden immer noch und das ist sehr traurig. Wir möchten alle gerne sehen, dass Südafrika seinem Versprechen gerecht wird.

Demokratie, HIV-Leugnung, Wirtschaft – die Themen Deiner Bücher sind alle politisch. Wie wichtig ist es für dich, ernsthafte Themen zu transportieren/ abzudecken?
Wenn du über Südafrika schreibst und wenn Du Krimis schreibst, dann kannst du den sozialen Realismus nicht vermeiden. Die beiden können nicht getrennt werden. Für mich ist es eine Funktion des Genres und eine Funktion, um über Südafrika zu schreiben. Ich glaube auch, dass das Persönliche und Private politisch ist. So wie wir es lieben zu denken, dass wir in unserer eigenen, erdachten und sauberen Welt leben, jede Entscheidung die wir treffen und jede Handlung, die wir erleben ist beeinflusst davon, wer wir sind, wo wir geboren wurden, in welche Familie wir geboren wurden, über welche Privilegien wir in diesen Familien verfügen konnten, und wie Dinge funktionieren, in einer Gesellschaft, die wir uns ausgesucht haben. Als ein Kind der Apartheid in Südafrika bin ich mir dessen sehr bewusst. Also auch wenn ich es aufgeben würde Krimis zu schreiben und stattdessen ein Buch über Sex und Shopping schreiben würde, wäre ich immer noch interessiert an den Erinnerungen und Erfahrungen, welche die Menschen mitbringen und wie diese die Entscheidungen, welche sie treffen, beeinflusst haben.

In einigen Tagen erscheint dein neues Buch mit Maggie Cloete – Karkloof Blue. Was ist das Thema dieses Buches? Und was hat dich inspiriert? Was war der Funke?
Das Thema von Karkloof Blue ist die Umwelt. Der Funke kam von vielen Gesprächen mit meinem Bruder, der eine einheimische Gärtnerei betreibt und welcher sich für die Umkehrung der Auswirkungen von pflanzlichen Monokulturen und die Einführung von biologischer Vielfalt engagiert. Als ich jedoch mehr darüber nachgedacht habe, habe ich realisiert, dass der Kampf zwischen Monokulturen und Biodiversität eine nützliche Metapher dafür ist, wie wir das weiße Patriarchat los zu werden versuchen – und wie hart und schmutzig die Verteidiger des Patriarchats kämpfen, um es zu erhalten.

Für Karkloof Blues war Dein Bruder Deine Inspirationsquelle – welche anderen Mittel der Inspiration und Informationen hast Du bzw. benutzt du?
Inspiration kommt aus dem Lesen, Information kommt aus Büchern!

Maggie Cloete ist die Heldin Deiner zwei Bücher – eine dickköpfige, neugierige, unabhängige Frau, eine Journalistin, Motorradfahrerin. Reflektiert sie Deine eigene Persönlichkeit und Deine Art zu leben? Oder war es wichtig für Dich, Dich von ihr abzugrenzen?

Maggie und ich sind in zwei Dingen gleich: Ich habe auch als Kriminalreporterin gearbeitet und ich hinterfrage auch den Status Quo. Das ist der Punkt, an dem die Gemeinsamkeiten enden! Sie ist eine viel mutigere Journalistin als ich es je war und sie ist viel wilder. Sie ist ein Alter Ego für mich – ein Weg, um mit verschiedenen Identitäten zu spielen, von der sicheren Umgebung meines Heidelberger Arbeitszimmers aus.

Zwischen Balthasars Vermächtnis und Karkloof Blue liegen mehrere Jahre – ein sehr ungewöhnlicher und überraschender Zug in einer Krimiserie. Planst Du eine weitere Überraschung für den nächsten Maggie Cloete?
Ja, das dritte Buch wird eine weitere Überraschung beinhalten!
Das sind gute Neuigkeiten, denn ich habe Karkloof Blue schon ausgelesen und warte schon auf den nächsten Maggie Cloete… nur um ein wenig Druck zu machen… 😀

So, ich denke, wir sind fast am Ende mit unseren Interview, aber ich habe eine letzte Frage: Warum verabscheust Du vier Uhr nachmittags?

Ich bin ein Morgenmensch und mein Energielevel ist um vier Uhr nachmittags am tiefsten. 🙂

Charlotte, vielen Dank für das spannende und inspirierende Interview – es hat mir sehr viel Spaß gemacht!

English version:

Who are you? As person, as writer and as women, who has lived in two such different countries?
I am a transplanted South African, living in Germany. For a long time, I struggled with the feeling that I had to choose between the two countries, but now I have come to a place of peace, knowing that I am someone who is lucky enough to have two homes. I like to think I’m a citizen of the world. I am also a traveler, an optimist, a feminist, a fan of coffee and a huge and avid reader. Books have defined my life, and I was always determined to write one. It took me a long time to get going, but I finally started writing Balthasar’s Gift when I was 39. I realized that if I didn’t get going with writing then and there, I never would, and then I would die old and bitter without ever having given my ambition a try. So I did, was lucky enough to have my first novel published and am now on the cusp of publishing the second one.

So many topics I want to ask further now, but let’s start with the bibliophile one: What was the worst book you’ve ever read – and why? What is your all-time favorite? And is there any novel which influenced your writing?
I don’t like to disrespect other writers so I’m not going to name names, however let it be said that I don’t read novels about abusive relationships dressed up as light S&M/romance. I am also sick to death of crime fiction that starts with a sexy corpse – such an old, tired and disrespectful trope and so many crime writers are guilty of this.
As I am in awe of many writers, it is hard for me to choose a particular favourite, but I would never not read anything by Hilary Mantel, Jane Smiley, Barbara Kingsolver, Donna Tartt or Ann Patchett. I’d happily read their grocery lists. I am always influenced and inspired by other people’s work, but my favourite books about writing are On Writing by Stephen King and Bird by Bird by Ann Lamott.

Ah, here it is – the sexy corpse. To write a crime novel without such a cliché – was that the reason for you to choose the genre of crime fiction?
The main reason I chose crime fiction was that it was the best way to tell my particular story. The first draft was in fact literary fiction, but I had a strong sense that it wasn’t working. When I changed it to crime, it seemed to take off. I had read a lot of crime writers – Ruth Rendell, PD James, Elizabeth George – and I admired the way they used the crime genre to turn a mirror on society, which is what I wanted to do.
My impatience with the sexy corpse came later. The more I read, the more I realized that a huge proportion of crime fiction has a dead woman – and often a young, beautiful, naked dead woman – as its inciting incident. I started to ask myself why. Why do women have to be naked and dead for crime fiction to be successful? Why does most crime start this way? And, is it possible to write successful and thrilling crime fiction that is not predicated on a sexy corpse?
The sexy corpse is the wallpaper of the world of crime fiction: so common that we don’t even notice it any more. I reject this. I won’t create more wallpaper. And I won’t sexualize the bodies of dead women. That is too disrespectful to those who have suffered rape and abuse or been murdered at the hands of men. There is nothing sexy about that. There is nothing cool or edgy about that. The reality is horrific and the way we represent the reality in our stories now is nothing more than irresponsible. And I refuse to participate.

I have read your “I am from” on your webpage. There, South Africa shows a warm and friendly side, but a crime novel also shows the bad sides of a country.
Was it clear to you that South Africa will be your setting right from the beginning? And if you think of South Africa, do you have ambiguous feelings?

Yes, it was always clear that my first novel would be set in South Africa, the country of my heart. And my feelings about it are ambiguous: it’s such a magnificent country and it’s gone through such troubles. It is immensely disappointing to most South Africans that, despite achieving democracy, the country is unable to deliver people out of poverty. We’ve removed apartheid, but millions of people still suffer, and that is sad. We’d all love to see South Africa live up to its promise.

Democracy, denial of HIV, economy – the topics of your novels are political. How important is it for you to cover serious topics in your novels?
If you write about South Africa and you write crime fiction, you can’t avoid social realism. The two can’t be separated. So for me, it is function of the genre and of writing about South Africa. I also believe that the personal is political. Much as we’d love to think that we exist in sanitized bubbles of our own devising, every decision we make and every outcome we experience is affected by who we are, where we were born, what kinds of families we were born into, what privileges were and are available in those families, and how things are functioning in the society we choose to live in right now. As a child of apartheid South Africa, I am well aware of this. So even if I gave up crime fiction to write a novel about sex and shopping, I would still be interested in the baggage people bring and how that affects the decisions they make in their lives.

In a few days your new novel with Maggie Cloete will be published – Karkloof Blue. What is the main topic this time? And what inspired you? What was the spark?
The theme of Karkloof Blue is the environment. The spark for it came from many conversations with my brother who runs an indigenous plant nursery, and who is an activist for reversing the impact of plant monocultures in favour of biodiversity. On a basic level, it is vital for our planet to be biodiverse. However, the more I thought about it, the more I realised that the battle between monoculture and biodiversity is a useful metaphor for understanding how we are ridding ourselves of white patriarchy – and how very, very hard and very dirtily those who embody the patriarchy will fight to retain it.

So for Karkloof Blues your brother was a source of inspiration – what other inspirations and source of information do you have and use?
Inspiration comes from life, information comes from books!

Maggie Cloete is the heroine of your two novels – a strongheaded, curious, independent woman, writing for a newspaper, riding a bike. Does she reflect your own personality and way of life? Or was it important to you to differentiate yourself from her?
Maggie and I are similar in that I also worked as a crime reporter and I also question the status quo. That’s where the similarities end! She is a much braver reporter than I ever was and she is far wilder. She’s really an alter ego for me – a way to play with a different identity from the safety of my Heidelberg study.

Between Balthasar’s gift and Karkloof Blue several years have gone by – a very untypical and suprising move in a crime novel series. Are you planning another surprise for the next Maggie Cloete novel?
Yes, the third book will have a surprise in it!

So, that are very good news, because I have already read “Karkloof Blue” and now starting to wait for the next Maggie Cloete… just to put a little pressure on you. 😀
So, I think, that we are nearly at the end of our interview, but one last question: Why are you loathing 4 p.m.?

I am a morning person, and my energy levels are at their lowest at 4pm. 🙂

Charlotte, thank you very much for this exciting and inspiring interview – I really liked it!

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8 thoughts on “Interview mit/with Charlotte Otter

  1. Die Frau gefällt mir…..tolle Ansichten….Buch muss ich mir besorgen…Tolles Interview…bin nicht so ein Interviewfan…aber das war schon gut….

  2. Fantastic interview following an amazing experience reading balthasars gift … Can’t wait to be entranced by Maggie again.. Well done and many congrats to the lovely author!!

  3. Nachdem ich es zuerst nur überflogen hatte, hab ich das Interview grad nochmal in Ruhe gelesen. Ist sehr interessant, ein wirklich gutes Interview. Zum einen ist natürlich Charlotte Otter eine Person mit spannenden Ansichten, zum anderen hast Du auch die Fragen echt gut gestellt. Zusammen genau die richtige Mischung. Dankeschön 🙂

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