Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Durchleuchtet: Havarie – Merle Kröger

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Havarie_grenz
Merle Kröger – Havarie
Verlag: Argument
228 Seiten (reiner Text)
ISBN: 978-3867542241
15 €

 

 

 

Es sind schon viele begeisterte Rezensionen über „Havarie“ geschrieben worden und keine Angst, diese wird nicht unbedingt anders. Das Buch ist genial und mit seiner Aktualität ein Muss für jeden Menschen, der sich auch nur ansatzweise mit dem Thema Flüchtlinge befassen möchte.
Die Frage, ob es ein Kriminalroman ist, ist auch schon oft gestellt worden und auch hier kann ich nichts Neues beitragen. Die Frage bleibt offen, so offen wie die Diskussion an sich, wie genau sich ein Kriminalroman definiert. Was also kann ich Euch Neues und Aufregendes über „Havarie“ bieten? Na, mal sehen.

Ein paar Schiffe, ein paar Leben, das Mittelmeer – das sind die Akteure in Merle Krögers kurzem, aber eindrucksvollem Roman. Das wohl größte Problem – wenn man von einem Problem sprechen möchte – ist die Kürze des Romans und die große Menge an vielfältigen Charakteren, die das Buch bietet. Es gibt keinen Protagonisten, sondern viele Sichtweisen von unterschiedlichsten Personen. Ob nun vom Kreuzfahrtschiff, welches die naturgemäß die meisten Sichtweisen beinhaltet, vom Flüchtlingsboot bis hin zur Küstenwache – Merle Kröger beäugt das Geschehen aus vielerlei Augen.

Und dafür ist der Roman fast schon zu kurz. Auch wenn ich tendenziell kurze und knappe Texte bevorzuge, hätte ich hier doch einfach gerne mehr gelesen. Doch natürlich ist diese knappe Vielschichtigkeit Merle Krögers Stil, der durch ihre Arbeit als Drehbuchautorin und Produzentin von Dokumentarfilmen beeinflusst ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch dieser Roman „nur“ die Vorlage zu einer Dokumentation bildet. So muss ich Else Laudan zustimmen, die im Vorwort vermerkt: „Das ist großes Kino…“, denn das ist es. Ein gelesener Film, aber ganz sicher kein 08/15 Hollywood-Streifen, sondern eben großes Kino, wohl eher zu vergleichen mit einem französischen Film. Kein kurzweiliges Vergnügen, sondern etwas zum Nachdenken, zum dran „Nagen“, etwas, was immer wieder in den Gedanken auftaucht.

Auch wenn ich glaube, dass dies eher dem Thema geschuldet ist, denn Flüchtlinge, egal ob nun hier in Deutschland oder eben noch auf dem Mittelmeer, bestimmen im Moment unsere Gedanken. Gelungen ist hierbei der Blick aus vielen Augen, denn der Leser lernt ein Spinnennetz voll Personen kennen: den Schlepper, aber auch die reiche Kreuzfahrtpassagierin, den Typ von der Küstenwache, aber auch Angestellte aus den tiefsten Ebenen des Kreuzers – die Fülle an Bevölkerungsgruppen und Charakteren ist unglaublich facettenreich. Merle Kröger zeigt uns Gedanken und Einsichten, die wir oft gar nicht sehen oder sehen wollen. Nur um ein Beispiel zu nennen: für mich sind Schlepper grundsätzlich negativ besetzt, doch der Roman zeigt, dass dies eben auch nur eine eindimensionale Sicht ist. Es mag vielleicht vermehrt Schlepper geben, die dies nur aus Profit und Habgier betreiben, aber es mag eben auch den ein oder anderen geben, bei denen dies nicht so ist. Letztendlich ist „Havarie“ ein Denkanstoß, ein Roman, der aufzeigt, aber auch die Chance gibt, seine eigenen Gedanken zu finden.

Fazit:

Großes Kino, außerordentlich und aktuell – nichts für zwischendurch, aber wer sich darauf einlässt und sich die Zeit nimmt, den Roman bewusst zu lesen, wird daraus viel gewinnen können.

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