Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Wenn Welten zusammenbrechen: Soro – Gary Victor

10 Comments

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Gary Victor – Soro
Verlag: Litradukt
Übersetzer: Peter Trier
140 Seiten
ISBN: 978-3940435149
11,90 €

 

 

 

Ah, endlich ist der neue Teil um Inspektor Azémar erschienen. Unglücklicherweise habe ich ja das gleich mal übersehen, aber in meinen Neuerscheinungen-Beitrag im nächsten Monat noch nachgeholt. Zum Glück, denn wie auch „Schweinezeiten“ ist „Soro“ großartig. Soviel mal schon vorweg genommen. Nun aber ein bisschen genauer.

Als die Erde bebt, betrügt Dieuswalwe Azémar gerade seinen Chef, Kommissar Solon, mit dessen Frau. Ganz genau weiß er nicht mehr, wie er in diese Situation gekommen ist, der soro (eine Art von tranpe = Zuckerrohrschnaps) verursacht ihm in letzter Zeit Gedächtnislücken. Als die Decke herab stürzt, stirbt Aldrine. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, beauftragt ihn Solon, den Liebhaber seiner Frau zu finden, damit er demjenigen, der ihm Hörner aufgesetzt hat, eine Kugel in den Kopf schießen kann. Doch im Chaos nach dem Beben gibt es noch ein weiteres Rätsel, welches Azémar lösen muss. Jacques Philostène, ein berühmter haitianischer Künstler, soll beim Erdbeben gestorben sein, doch warum sah Marie-Marthe, seine Freundin, ihn noch, als er schon längst unter den Trümmern begraben gewesen sein soll. Steckt hier ein Voodoo Zauber dahinter?

Inspektor Azèmar hat man in „Schweinezeiten“ als den einzigen moralisch korrekten Polizisten in Haiti, oder zumindest in Port-au-Prince wahrgenommen und nun das! Er betrügt seinen einzigen Freund und Fürsprecher Kommissar Solon mit dessen Frau. Ein Dilemma, das Azèmar verzweifeln lässt und zu Aktionen nötigt, die seinen moralischen Kompass trudeln lassen. Ein bòkò wird konsultiert, ein böser Voodoomagier, um ein Gift zur Beseitigung des einzigen Zeugen zu besorgen. Fast während der gesamten Handlung liegt Azémar mit sich im Widerstreit, ob er das Gift nun einsetzen soll oder nicht. Eine Zwickmühle, in der Azémar feststeckt, bis ihm die Ereignisse die Entscheidung aus der Hand nehmen.

Die Ermittlung um Jacques Philostène gestaltet sich da einfacher, wenn auch mysteriöser. Wie kann ein eigentlich Toter noch bei seiner Geliebten die Nacht verbringen? Voodoo schreit es von allen Seiten, doch Azémar, von je her eher ungläubig, kann das auch diesmal nicht glauben. Doch wie und wer hat das Verbrechen verübt?Die Ermittlung gestaltet sich hier kompliziert, weil der Voodoo-Glaube der Leute und das Erdbeben es schwierig machen, doch ansonsten wird dieser Handlungsstrang von Azémar routiniert und in üblicher Wild-West-Manier gelöst.

Ganz nebenbei und doch so zentral flicht der Autor die Missstände nach dem Erdbeben in Haiti 2010 in die Handlung ein. Die Politiker verschanzen sich und lassen sich nicht blicken, die Bevölkerung stapelt sich, gemeinsam mit den Leichen, auf den Straßen, aus Angst vor den Nachbeben. Komischerweise ist die Versorgung mit Essbarem irgendwie gewährleistet (wobei Azémar hier hauptsächlich soro einkauft), doch die Leichenberge und die verletzten und obdachlos gewordenen Menschen stürzen Port-au-Prince ins Chaos. Die Polizei „arbeitet“ im Vorhof, Hilfsorganisationen sind nicht in Sicht. Nach der gelungenen Darstellung von einem heißen, armen und korrupten Land in „Schweinzeiten“, schildert Gary Victor nun, wie dieses Land ins Chaos stürzt. Und dabei irgendwie überlebt oder eher damit lebt. Die realistischste Darstellung der Auswirkungen des Erdbebens auf Haiti, die ich je gelesen (oder gesehen) habe. Wenn man so gemütlich auf der Couch sitzt und dazu die Nachrichten darüber sieht, ist man fern und ja auch gar nicht so richtig betroffen, doch Gary Victor gelingt es, dies ganz nah zu holen, einen mitten hinein zu reißen und dort erschreckt und entsetzt zurück zu lassen.

Aber Azémar wäre nicht Azémar, wenn er am Ende nicht doch seine Waffe zücken dürfte und einigen Schurken den Garaus zu machen. Ein deftiges Finale, welches einen gekonnten Schlusspunkt setzt. Und doch lässt einen das Ende wehmütig zurück. So übersteht Dieuswalw Azémar das Erdbeben zwar körperlich unbeschadet und sein moralischer Kompass bleibt halbwegs bestehen, doch er erleidet einen gewaltigen Rückschritt und muss sich mit dieser Kerbe im nächsten Teil (von dem ich noch nichts weiß, aber ihn erhoffe!) erst mal einen neuen Platz im haitianischen Universum suchen.

Fazit:
Haiti, Voodoo-Krimi, Kleinverlag, „dürres“ Büchlein – nicht abschrecken lassen, denn „Soro“ ist einfach grandios und muss gelesen werden. Eine absolute Kauf- und Leseempfehlung!
P.S.: Und wer “Schweinezeiten” noch nicht kennt, kauft sich das gleich mit dazu. 😉

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10 thoughts on “Wenn Welten zusammenbrechen: Soro – Gary Victor

  1. Da scheint ja eine Charakterentwicklung stattgefunden zu haben! Ich hab gerade SCHWEINEZEITEN gelesen und warte nun auf das eBook von SORO.
    Ist der Text in der Taschenbuchausgabe wirklich so eng gedruckt? Hat man mir nämlich gesagt. 😉

    Werde es auf alle “Felle” lesen! Liebe Grüße dir!

    • Hi Iris!
      Na, keine Sorge. Das Buch ist dünn und ein wenig größer als die Taschenbuchausgabe – eher so wie die Hardcovergröße oder die großen Softcover. Und die Schriftgröße finde ich jetzt nicht sehr anders, als in anderen Büchern. Ich gebe zu, dass der Rand etwas schmäler ist. Aber sonst… vielleicht haben manche damit ein Problem, dass wörtliche Rede mitunter in den Text eingebunden ist und eben nicht in einer neuen Zeile. Das macht das ganze natürlich kompakter. Das ist auch nicht immer so, aber ab und an schon. Hmm… ich hatte keine Probleme beim Lesen – aber ich bin mir sicher, culturbooks schnappt sich das Buch bald und ebookisiert es.
      Ich wünsch Dir viel Spaß bei der Lektüre – welches Format es auch wird. 😉
      Liebe Grüße, Christina

  2. Ich konnte “Schweinezeiten” auch schon lesen. Ich fand diese Einbindung von Voodoo-Gestalten schon schräg, aber das gehört wohl einfach zur haitianischen Seele. Die Schilderung der Atmosphäre in Haiti war großartig und das war vor dem Erdbeben.

    • Nun ja, das mit dem Voodoo muss man schon akzeptieren, stimmt. Doch in Soro fand ich es nicht ganz so abgedreht wie in Schweinezeiten – der Voodoo Glaube war präsent, aber Inspector Azèmar glaubt schon mal gar nichts, was er nicht selbst sieht. Ich würd mich freuen, wenn Du es auch liest und rezensierst – bin schon gespannt drauf. 😀

  3. Ich habe mir jetzt den ersten Band bestellt ! Ich vermisse die Bewertungs-Schafe 😦

    • Oh, das freut mich. Gary Victor sollte man unbedingt gelesen haben.
      Ein wenig vermisse ich meine Schafe auch, aber Rezensionen schreiben sich viel besser, wenn ich sie nicht in ein gewisses Schema pressen muss. Und somit bleiben die Schafe weg – aber im Header sind ja noch einige vorhanden. 😉

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