Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Dirty Harry in Port-au-Prince: Schweinezeiten – Gary Victor

6 Comments

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Gary Victor – Schweinezeiten
Verlag: Litradukt / CulturBooks (ebook)
130 Seiten
ISBN: 978-3944818702
7,99 € (ebook)

 

 

 

 

Was ein Erlebnis! Und das auf nur 130 Seiten – wie zur Hölle hat Gary Victor das geschafft?
Nach ein bisschen Recherche habe ich zumindest herausgefunden, dass der Autor in seiner Heimat Haiti sehr bekannt ist, aber hier in Deutschland bisher spärlich verschmäht wurde. Zum Glück gibt es aber Kleinverlage, wie Litradukt (oder auch CulturBooks für die ebook-Fassung), die solche Krimiperlen aufspüren und uns Leser teilhaben lassen. „Schweinezeiten“ hatte ich schon total lange auf dem Radar und hab es doch erst gekauft, als ich über zwei andere Blogs auf „CulturBooks“ aufmerksam geworden bin. Gekauft – und gleich gelesen. 130 Seiten, was kann da schon kommen, hab ich gedacht. Und ein Voodoo-Krimi – was soll das denn sein? Doch nun ärgere ich mich über jeden Zweifel und jedes Hinauszögern des Kaufs. Schon mal vorab, falls ihr es noch nicht bemerkt habt: Ich bin begeistert!

Inspektor Dieuswalwe Azémar, der letzte ehrliche Polizist in Port-au-Prince, hält die Korruption und den Dreck auf Haiti nur aus, wenn er genügend Tranpe (ein Zuckerrohrschnaps) intus hat. Wie das bei einem gestandenen Alkoholiker so ist, funktioniert er besser, wenn er betrunken ist als nüchtern und so erlebt man ihm fast durchgängig in einem alkoholvernebelten Zustand. Zum Glück, denn er hat dem Bösen auf Haiti den Kampf angesagt. Zugegeben, es braucht dazu seine Tochter Mireya, die aus einer Nacht mit einer Nutte stammt, die mittlerweile verstorben ist, und einen Ex-Kollegen, der um Hilfe bittet. Doch auch eine Mutter, die ihre Tochter aus den Klauen eines Bòkò – eines Zauberers – zu befreien, lässt er nicht im Regen stehen. Der besoffene Retter und Ritter der Hilfsbedürftigen.

Dieuswalwe scheint noch einen recht ‚normalen‘ Chef erwischt zu haben, doch ansonsten scheint er der einzige ehrliche weit und breit unter einer Bande korrupter Banditen, äh, ich meinte natürlich Polizisten. Er benutzt wahnsinnig gerne seine Waffen, trinkt praktisch ständig und ist einem Koma nahe, als er keinen Alkohol kriegt und muss die Häme seiner Kollegen ertragen. Er kommt mit dem Leid, der Korruption, den Zuständen auf Haiti nicht zurecht. Ein Held? Aber ja, der „Dirty Harry“ von Port-au-Prince. Ein einsamer, verzweifelter, kaputter Held – genauso wie ich sie mag, meine Helden.

Seine Tochter Mireya bedeutet ihm alles und so hat er diese bei den Schwestern der Kirche vom Blut der Apostel abgegeben, die diese adoptiert haben und bald in eine Pflegefamilie außer Landes geben werden. Sie soll nicht all den Dreck und Schmutz von Haiti sehen und erleben müssen – auch wenn es verquer klingt, er will das Beste für Mireya. Kurz vor der Abreise von Mireya wird er von seinem früheren Zögling Colin kontaktiert. Colin war früher sein Auszubildender und auch grundsolide und ehrlich. Doch dann wollte seine Frau schöner wohnen – oder was auch immer und so rutscht Colin auch auf die Korruptionsschiene und Dieuswalwe hat schon lange nichts mehr von ihm gehört und gesehen. Als er ihn aber trifft, kann er kaum seinen Augen trauen, denn Colin verwandelt sich langsam aber stetig in ein Schwein – nein, nicht gelogen (nicht vergessen, es handelt sich um einen Voodoo-Krimi!).

Alles hängt natürlich irgendwie zusammen: die Kirche / Sekte, die Gutes verspricht und doch so Böse ist, Colins Verwandlung, Mireyas Traum… es geht um Blutgruppen, Organe und verschwundene Kinder. In einem armen Land kann man es ja machen. Da merkt es doch gar keiner, wenn arme Kinder wegadoptiert werden. Unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit wird die arme Bevölkerung Haitis ausgebeutet und ihrer Kinder beraubt.

Dieuswalwe zieht nicht nur rasend und schießend durch die Handlung, sondern auch die unglaubliche Atmosphäre, die dieser kleine, aber feine Krimi aufbaut. Es ist erstickend heiß, Worte fallen, die einem den Schweiß den Rücken runter rinnen lassen. Verkohlte Landschaften, flirrende Hitze, ausgetrocknete Schlammpfützen, „Sonnenkörner fielen weiter hageldicht auf seinen Schädel“. Diese bedrückend fantastische Landschaft bietet den idealen Sündenpfuhl, in dem Korruption, Armut und Aberglaube ihre Heimat finden. Abgerundet von ausgehungerten Schweinen und rippenstarrenden Hunden. 130 Seiten lang treibt Gary Victor den Leser durch den brodelnden Kochtopf Haiti und verlangt dem Leser alles ab. Ich will mehr davon!

Fazit:
Gary Victor schafft es, Haiti real, atmosphärisch dicht und brutal darzustellen und trotzdem einen Helden zu etablieren, dem man sofort loyal zur Seite steht. Für mich ein reines und glückliches Leseerlebnis mit verdienten 5 Schafen.

5 Schafe

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6 thoughts on “Dirty Harry in Port-au-Prince: Schweinezeiten – Gary Victor

  1. Pingback: Wenn Welten zusammenbrechen: Soro – Gary Victor | Die dunklen Felle

  2. Das Buch befindet sich übrigens auf dem Weg zu mir. Abmachung also erfüllt. 🙂

    • Oh, ich hoffe, es gefällt Dir genauso gut wie mir.

      • Mal schauen, wann ich es lesen werde. Vorher stehen noch ein paar andere Titel auf dem Programm. Ich genieße übrigens gerade “Geld ist nicht genug” von Wallace Stroby. Das scheint, wie der Vorgänger, erneut ein Highlight zu werden.

      • Sehr gut – das werde ich mir auch noch zulegen, aber ich muss jetzt erst mal abwarten, was ich zum Geburtstag bekomme. Ich vermute meine Familie und Freunde werden ungehalten, wenn ich mir die Bücher meiner Wunschliste voher zulege…

  3. Pingback: Freund oder Feind: Suff und Sühne – Gary Victor | Die dunklen Felle

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