Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Jedes vermisste Kind ist eins zu viel: Missing. New York – Don Winslow

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Don Winslow – Missing. New York
Verlag: Droemer Knaur
395 Seiten
ISBN: 978-3426304280
14,99 €

 

 

 

 

Ein neuer Don Winslow! Einer, der mich anscheinend mehr gereizt hat als „Sprache des Feuers“, welches ich immer noch ungelesen in meinem Regal stehen haben. Und das ist vielleicht ganz gut so. Denn „Missing. New York“ war genau nach meinem Geschmack und schiebt meinen Lesegeschmack zurück in die richtige Richtung. Ich bin ein wenig hin und her getrudelt vor Weihnachten. Nichts Halbes, nichts Ganzes, auch Harry Dresden konnte mich (überraschenderweise) nicht richtig fesseln. So muss ich Mr. Winslow unglaublich dankbar sein, dass er „Missing. New York“ geschrieben hat. Auch wenn das für ihn nur ein Lückenfüller bis zum nächsten Teil zu „Tage der Toten“ gewesen sein soll und ich mir das Buch auch erst ein paar Monate nach seinem Erscheinen zugelegt habe. Für mich war es das letzte Highlight in 2014, zu dem ich Euch in 2015 natürlich noch die Rezension nicht vorenthalten will.

Hailey Hansen verschwindet. Ihre Mutter ist nur kurz ins Haus gegangen und als sie zurückkehrt, ist ihre kleine Tochter verschwunden. Frank Decker ist einer der ersten Polizisten vor Ort und übernimmt die Leitung des Falles. Die ersten 24 Stunden vergehen, die nächsten 24 Stunden vergehen, 2 Wochen sind vorbei und Hailey Hansen bleibt verschwunden. Frank Decker verbeisst sich in den Fall, selbst als der Fall zu den ungelösten Fällen wandert, kündigt er seinen Job und ermittelt privat weiter. Wohin ihn seine Suche führt? Nun ja, da lässt der Titel ja keine Fantasie offen: nach New York.

Über Winslows Schreibstil habe ich mich glaub ich schon mal sehr positiv geäußert und das ändert sich auch mit diesem Thriller nicht. Ich liebe es, wie er schreibt. Das Buch hat keine 400 Seiten, ist mit großer Schrift geschrieben, hat Kapitel, die nur eine halbe Seite fassen – wie immer weiß Winslow knapp und kurz, aber sehr präzise und knallhart seine Geschichte zu erzählen. Klasse statt Masse – es müssen eben nicht immer Hunderte dicht beschriebener Seiten sein, um gut, einfach nur gut zu sein. Ich habe den Thriller an einem Sonntag weggesogen und habe es dann aufgewühlt, aber zutiefst zufrieden weggelegt.

Ja, bei vielen muss jeder neue Don Winslow einen Vergleich mit „Tage der Toten“ bestehen. Den Thriller habe ich auch gelesen. Und er war sehr gut. Allerdings ist das schon eine Weile her. Und außerdem möchte ich ja nicht mehr mit anderen Büchern vergleichen (na ja, zumindest versuche ich das) und deshalb fehlt bei mir jeder Vergleich. Ehrlich gesagt kann ich mich schon gar nicht mehr so richtig an „Tage der Toten“ erinnern, jedenfalls nicht mehr an Details. Und so kann ich „Missing. New York“ ganz ohne Erwartungshaltung zu einem meiner 2014-er Favoriten küren.
Neben dem Schreibstil hat daran der Protagonist Frank Decker einen erheblichen Anteil. Die anderen Figuren sind zugegebenermaßen nur Statisten und man erfährt nur wenig. Ab und an darf man noch Hailey Hansen folgen, doch Frank Decker bestimmt das Buch. Und er ist mein absoluter Traumheld für jeden Thriller/Krimi: verbissen, hartnäckig, priorisierend, natürlich menschlich absolut untragbar, aber schlicht und einfach ein Held. Wenn ich mal verschwinde, will ich auch einen Frank Decker, der mich sucht. Der Fall wird für ihn der Lebensinhalt. Er wirft seine Karriere hin, lässt seine Ehe scheitern, lebt von Erspartem und im Auto oder billigen Motels und er gibt – verdammt nochmal – einfach nicht auf. Wie ein Bullterrier. Unglaublich.

Die Handlung habe ich bei meinen Stichworten mit folgenden Satzstücken festgehalten: lokale Ermittlung, Roadtrip mit Sackgassen und Die Hard in New York. Somit kann man sagen, dass dieser Thriller alles hat. Es beginnt mit einer klassischen Ermittlung, die Frank Decker leitet und sich lokal auf Lincoln, Nebraska, Deckers und Haileys Heimatstadt. Als die Ermittlung langsam aber sicher im Sand verläuft und in Sackgassen steckenbleibt, verlässt Decker die Polizei und Lincoln und fährt jedem noch so geringen Hinweis nach. Er reist quer durchs Land (vielleicht kommt das einem auch nur so vor und er war nur in einigen Bundesstaaten) und gerät auch hier immer wieder in Sackgassen. Für den Leser ist vor allem eine Sackgasse unheimlich spannend, fast schon mit Gefahr zum Herzinfarkt. Denn es ist keine Sackgasse. Doch Decker zieht weiter und landet letztendlich in New York. Und hier gibt es das Sammelsurium an Gestalten, die New York eben so zu bieten hat: Prominente und Partys, Koks und Mafia, ehrliche und korrupte Bullen, ehrliche aber auch gefährliche Verbrecher, vermisste Kinder, aber auch gefundene Erwachsene. Und jeder, der die „Stirb langsam“ Filme gesehen hat, wird mit der Anspielung „Die Hard in New York“ schon ein gewisses Kopfkino vor sich sehen – ich lass es mal dabei.

Und plötzlich ist Schluss – fast schon schade. Ehrlich: ich brauche keinen nächsten „Tage der Toten“, ich brauche ein zweites „Missing“ – auch wenn ich natürlich das nächste „Tage der Toten“ kaufen und lesen werde – und dann wie ein Fähnchen im Wind in eine andere Richtung schwenke. 😉 Ich freue mich ja mittlerweile eher selten über Serien, aber in dem Fall bin ich froh, dass Mr. Winslow ein Wiedersehen mit Frank Decker versprochen hat. Ich bin gespannt!

Fazit:
Absolut spitze – eines meiner Highlights in 2014 und eine definitive Kaufempfehlung: bitte lesen – sonst verpasst ihr meinen Lieblingshelden! 😉

5 Schafe

 

P.S.: Das Zitat “Jedes vermisste Kind ist eins zu viel” ist von John Walsh und in “Missing.New York” abgedruckt zu finden.

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