Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Gelöste Verwirrung: Testament – Christopher Galt

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Christopher Galt – Testament
Verlag: Bastei Lübbe
526 Seiten
ISBN: 978-3404170333
9,99 €

 

 

 

 

Nach der Lektüre dieses Thrillers bin ich richtig geschafft. Mein Kopf ist voller Gedanken und ich muss nun, am Ende des Buches, alles nochmal Revue passieren lassen, um zu wissen, was ich eigentlich gelesen habe. Christopher Galt spielt mit der Realität der Charaktere, besser gesagt er erschafft mehr und mehr Realitäten durch Halluzinationen, Visionen – wie auch immer man sie nennt – und man ist sich nie sicher, ob der Charakter jetzt in der Realität ist oder nicht. Aber da kommen wir schon zum Kernpunkt: was ist denn eigentlich Realität?
Ein bisschen musste ich an „Matrix“ denken, als ich „Testament“ gelesen habe. Die Grundidee ist völlig anders, also keine Sorge, falls Ihr Euch denken solltet, das braucht Ihr nicht zu lesen, weil Ihr es schon kennt. Doch auch bei „Matrix“ muss man ständig daran zweifeln, was real ist und was Illusion, bzw. wie in diesem Buch Halluzination/ Vision.

Auf der Welt passieren nämlich seltsame Dinge. Menschen sehen plötzlich „Gespenster“, erleben verstorbene Personen, so als wären sie noch da und vorhanden. Gleichzeitig gibt es Menschen, die selbst ganze Jahre, Jahrzehnte, Dekaden in vergangene Ereignisse eintauchen und die dort selbst zu Gespenstern werden, die kaum jemand aus der vergangenen Periode sehen kann. Es gibt Selbstmorde, Massenselbstmorde und halluzinierte Erdbeben, die nur die Menschen erleben, es gibt keinerlei Schäden an den Gebäuden. Und tatsächlich können sich Menschen in ihren Halluzinationen verletzen und nicht nur, weil sie in ihrer Halluzination vor ein Auto laufen, sondern auch durch die Erlebnisse der Halluzination selbst. Man hat das Gefühl – und etwas später im Buch fällt diese Theorie auch – dass die Zeit gefaltet wirkt. Als würde jemand den Zeitstrang nehmen und zerknüllen und dabei würden verschiedene Menschen an verschiedene Zeiten auftauchen, bis sich der Strang wieder glättet.

John Macbeth (ja, der heißt wirklich so) ist so halbwegs der Protagonist, wobei der Thriller gespickt ist mit Erlebnissen von anderen Personen mit ihren verschiedensten Halluzinationen. Ich persönlich war genau bis zum Epilog überhaupt nicht überzeugt von Macbeth. Er ist Psychiater, hat sich aber nach dem Selbstmord eines Patienten in die Forschung zurückgezogen und arbeitet jetzt an einem Projekt, in dem man einen menschlichen Verstand versucht zu simulieren. Er selbst hat von Kindesbeinen an psychische Probleme. Derealisierung und Entpersonalisierung nennt sich die Sache – er weiß oft nicht, wer er ist, wo er ist und warum er dort ist, muss sich erst vergegenwärtigen, erlebt aber auch Situationen, in denen er sich fast schon von sich abhebt und sich selbst aus einer erhöhten Perspektive betrachtet. Er ist kühl und distanziert, nicht nur zu den anderen Charakteren mit einigen wenigen Ausnahmen, und das spiegelt sich auch in seiner Beziehung zum Leser wieder.

Macbeth erlebt auch Halluzinationen, doch bleibt davon herrlich unberührt, während die Welt in Panik verfällt. Natürlich gibt es auch in diesem Buch die Verfechter des Weltuntergangs. Passenderweise sind sich hier aber alle Religionen einig. Alle predigen davon, dass die letzten Tage angefangen haben. Trotzdem nimmt das Thema nicht dem Thriller die Luft zum atmen. Es ist einfach nur eine logische Reaktion. Erschreckend war die Präsidentin der USA , die auch zu den „Predigern“ zählt, nur eben versteckt und dazu auch noch die Macht hat, schreckliches in Gang zu setzen. Zum Glück ist auch das ein Faden, der sich verliert und die Ereignisse bleiben unbestimmt oder auf John Macbeth bezogen.

Ehrlich gesagt war ich eine ganze Weile verwirrt, weil ich mich zum einen nicht mit Macbeth anfreunden konnte und gleichzeitig so viele andere Personen das Buch beherrschen. Zusammen mit den Halluzinationen – die bei vielen als Visionen erscheinen – ist man nicht nur den Großteil des Buches in einem Zustand der (teilweise völligen) Verwirrung sondern auch ständig am Knobeln, worum es in dem Buch eigentlich genau geht. Die ganze Zeit über hatte ich den Prolog im Kopf und hab mir so meine Theorien gebildet. Bis der Autor das Buch beendet hat und mich dann im Epilog mal komplett umgehauen hat. Nicht nur mit einer total unerwarteten Lösung, sondern damit, dass damit auch noch alle Fragen beantwortet werden – egal welche. Man kann sich nachträglich so viel erklären, was einen vorher verwirrt hat.

Während dem Lesen wäre ich eher geneigt gewesen, dem Buch eine mittelmäßige Bewertung zu geben, doch nach dem Ende – und damit spiele ich nicht nur auf den Epilog an, sondern auch auf das Finale davor, welches sehr spannend und fast schon dramatisch episch war – bin ich zu einer weit positiveren Meinung geneigt. Der Thriller ist bestimmt nicht für jedermann etwas. Man muss sich schon auf etwas Ungeklärtes, Geheimnisvolles einlassen, es ist aber nicht mystisch oder religiös angehaucht (auch wenn ich da wieder mit dem Titel hadere – und diesmal auch noch zweisprachig – „Testament“ im Deutschen, „Biblical“ im Englischen). Das Genre „Thriller“ ist weit gefasst und es mag sein, dass dieses Buch nur an den Randgebieten etwas mit dem Standardthriller zu tun hat, trotzdem kann man es gut dort einordnen. Mich hat das Ende total überrascht und eben alles wett gemacht, was ich vorher, im Verlauf des Lesens, bemängelt habe.

Fazit:
Eine innovative Idee, verpackt mit einem distanzierten Protagonisten und einiger Verwirrung, deren Auflösung aber alles wieder wett macht. Wer auch mal ungewöhnliche, nicht zum Standard zählende Thriller liest, kann hier zugreifen. Ehrlich gesagt bin ich riesig gespannt, wie andere Meinungen ausfallen. Von mir gibt es 4 1/2 Schafe.

4 und ein halbes Schaf

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3 thoughts on “Gelöste Verwirrung: Testament – Christopher Galt

  1. Das Buch liegt noch hier und wartet darauf gelesen zu werden. Anscheinend hat mir die Buchhändlerin nicht zu viel versprochen, als sie es mir empfohlen hat, wenn ich mir deine Rezension ansehe. Auf alle Fälle: Ich bin sehr gespannt darauf, klingt jedenfalls super interessant. Mal sehen, wie ich Macbeth finde ;-).

  2. Pingback: Galt, Christopher: Testament | Rezension : Die Leserin bloggt …

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