Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Rotzfrech: Vergeltung am Degerloch – Christine Lehmann

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Christine Lehmann – Vergeltung am Degerloch
Verlag: Argument
221 Seiten
ISBN: 978-3886198955
9,90 €

 

 

 

Vorab:
Das Exemplar von „Vergeltung am Degerloch“ habe ich bei My Crime Time gewonnen. Vielen Dank!

Meine Meinung:

„Vergeltung am Degerloch“ – das hört sich doch verdächtig nach Regionalkrimi an. Das Prädikat „Regionalkrimi“ hat ja mittlerweile einen negativen Touch und kein Autor wünscht sich das wirklich auf seinem Krimi-Cover. Nun ist ja der vorliegende Krimi von Christine Lehmann schon ein paar Tage alt und trotz des regionalen Titels und dem Handlungsschauplatz in Stuttgart und Umgebung so wenig Regionalkrimi wie Elizabeth George sich unter Noir einordnen lässt. Eben gar nicht.

Lässt sich „Vergeltung am Degerloch“ denn überhaupt irgendwo einordnen? Das fällt mir ehrlich gesagt schwer. Lisa Nerz ist eine so herrlich komplexe und nicht in Schubladen zu steckende Figur, dass man beim Lesen ständig neu von ihr überrascht wird.
Lisa, Schreiberling für die radikale Frauenzeitung Amazone, aber von Grund auf eher faul oder nennen wir es mit wenig Motivation gesegnet, stürmt in einen Fall, der verzwickter nicht sein könnte. Eine junge Frau, Gabi, spricht sie abends in der Kneipe an, doch verabschiedet sich schnell. Am nächsten Tag erscheint Gabi, die zufällig auch die Tochter der Sekretarin in der Amazone ist, in der Redaktion und gesteht Lisa den Mord an einem jungen Mann, der sie belästigt haben soll. Lisa kann und will nicht helfen, so stellt sich die Frau der Polizei, doch in Lisa beginnt es zu nagen. Passenderweise wiegelt die Presse das Geschehen in der Art „männerhassende Lesbe ermordet jungen Mann“ auf, so dass Lisa den Auftrag bekommt, hier zu recherchieren. Und das tut sie. Mal mit mehr Beweisen, mal mit weniger Beweisen, meist etwas richtungslos, doch widerwillig gemeinsam mit Krk, einem anderen Journalisten, dessen tatsächlicher Name fürchterlich nebensächlich ist.

Emanze? Lesbe? Feministin? Was genau, wer genau ist Lisa Nerz? Man lernt sie kennen und doch bleibt sie wundersamer weise erfrischend aufregend und nicht vorhersehbar. Feministin ja, radikal? Eher nein. Nichtsdestotrotz rotzfrech und mit Schalk in den Augen begegnet sie der Welt und macht schlicht und einfach was ihr gefällt. Keine Konventionen, keine Richtlinien, unkompliziert und frei. So überrascht es nicht, dass alles überrascht. Ich verdrehe ja gerne die Augen, wenn in einem Krimi eine Liebesgeschichte eingeflochten wird, nur um das Thema auf der Liste abzuhaken. Auch hier gibt es eine Entwicklung in dieser Richtung, doch eben nicht 08/15 und – kann man überhaupt von Liebe sprechen? Wie alles an ihr ist auch diese Entwicklung zweiseitig – liebt sie Mann oder Frau? Ist sie Mann oder Frau? Androgyne Spiele sind bei Lisa groß geschrieben. Dabei nehmen alle anderen dieses Thema und Lisa überhaupt viel ernster als sie selbst es tut. Lisa ist einzigartig und unvergesslich, für mich eine der stärksten Figuren, die ich je in einem Krimi (/Buch) getroffen habe.

Neben Lisa muss ich unbedingt noch Krk erwähnen, der neben Lisa ein wenig verblasst, doch durchaus seinen Stellenwert in diesem Krimi hat. Ohne ihn wäre Lisa bei weitem nicht so schnell und mitunter realistisch und zügig vorangekommen. Krk holt sie einfach ab und an wieder auf den Boden und erdet sie. Es ist aber keine einseitige Beziehung und auch Krk kann hier noch was rausholen.

Doch neben meiner Begeisterung um Lisa Nerz muss ich jetzt noch ein paar Worte um den Kriminalfall loswerden – denn schließlich ist es ja ein Krimi. Ich mag mich wiederholen, aber auch hier war ich recht überrascht über die Entwicklungen, die der Fall nahm, und auch über das Ende. Zwar lebt der „Fall“ oft nur durch Lisas Behauptungen, die sie überzeugend, aber ohne jegliche Beweise vorbringt, doch letztendlich hat sie den richtigen Riecher, der sie hier mehr vermuten lässt, als man auf den ersten Blick sieht. Die polizeiliche Ermittlung ist natürlich recht spärlich, da die „Täterin“ ja schließlich gestanden hat. Doch Lisa entwickelt plötzlich ungeahnte Motivation, um den Fall zu lösen. Beharrlich harkt sie einzelnen Spuren nach, landet in Sackgassen, aber lässt sich einfach nicht abschütteln.

Mal wieder hat es der Argument Verlag geschafft, mir ein wahres Lesevergnügen zu bereiten und dies wird keinesfalls mein letzter Lisa Nerz Krimi gewesen sein. „Gaisburger Schlachthof“ (Lisa Nerz 2) hat schon einen Platz in meinem Regal gefunden.

Fazit:
Lest Lisa Nerz!

5 Schafe

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One thought on “Rotzfrech: Vergeltung am Degerloch – Christine Lehmann

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