Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Tiefe Abgründe im sonnigen Kalifornien: Pacific Private – Don Winslow

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46096
Don Winslow – Pacific Private
Verlag: Suhrkamp
395 Seiten
ISBN: 978-3518460962
9,95 €

 

 

 
 

Meine Meinung:
Die erste Frage, die ich mir bei diesem Thriller (der offiziell als Kriminalroman eingeordnet ist) gestellt habe, hat so gar nichts mit der Bewertung des Inhalts zu tun. Es geht mir um den Titel. Dass Verlage die Titel oft frei von der Leber weg übersetzen oder gar einen völlig neuen Titel kreieren ist ja nichts Neues. Kann auch sein, dass ich so einen Fall wie hier schon mal hatte und mich daran (warum auch immer) nicht gestört habe, doch jetzt stört es mich. Warum zum Kuckuck übersetzt man einen englischen Titel mit einem anderen englischen Titel? Der Originaltitel des Buches ist „The Dawn Patrol“. Und hier hat sich Mr.Winslow richtig Mühe gegeben, denn der Titel offenbart sich im Inhalt auf zweifache Weise. Wenn ich also beschließe ein Buch zu übersetzen und zu veröffentlichen und mich dann entscheide einen englischen Titel zu nehmen – warum dann einen neuen Titel und nicht den, der schon da ist und doch so viel Sinn macht? Aber anscheinend ist dies bei Don Winslow und dem suhrkamp Verlag zwar nicht durchgängig aber doch üblich und gewollt, denn die beiden Titel um Neal Carey für nächstes Jahr tragen ja auch andere englische Titel…

So, nachdem ich mich nun genug über den Titel geärgert habe, kommen wir nun zum eigentlichen: dem Inhalt hinter dem Titel. Die Geschichte dreht sich um Boone Daniels, einen Ex-Polizisten, der zwar Privatdetektiv ist, sich aber viel lieber mit seinen ‚Dudes‘ zum Surfen trifft. Doch dann spaziert Petra Hall, Anwältin, in sein Büro und verlangt, dass er eine verschwundene Stripperin sucht, die gegen ihren Chef, den Stripclubbesitzer Dan Silver, wegen Brandstiftung aussagen soll. Blöd nur, dass gerade die größten Wellen seit langem auf die Küste zurollen und Boone so gar keine Lust hat zu ermitteln. Da Petra (von Boone bald auch ‚liebevoll‘ Peter genannt) aber hartnäckig ist, macht er sich an die Arbeit. In einer fürchterlich lockeren Art, die Petra zur Weißglut treibt, doch nach und nach Ergebnisse bringt.

Die Ermittlungen selbst fand ich sehr spannend. Boone und Petra geben ein tolles Gespann ab. Sie leicht überzogen, er total entspannt, aber beide mit trockenem Sarkasmus beschenkt. Den ‚Bösen‘ der Geschichte erkennt man schnell, doch was letztendlich noch hinter der Ermittlung steckt, schält sich erst nach und nach heraus und endet in einem fulminanten Showdown. Nebenbei ist auch immer privates eingearbeitet. Hier kommen dann vor allem auch die Freunde von Boone ins Spiel, wobei hier auch hin und wieder einer bei der Ermittlung helfen darf bzw. muss. Ein bisschen enttäuscht war ich von Boones festgefahrenen Meinungen. Nun ist er ja der total entspannte Typ, hat aber Stereotype für Stripperin und Schönheitschirurg abgespeichert und folgt diesem Pfad, bis er eines Besseren belehrt wird. Diesen Zug fand ich recht unpassend zu seinem sonstigen Charakter.

Eigentlich mag ich Don Winslows Schreibstil. Atemlos, rasant und zufrieden schnurrend liest man sich durch seine Bücher. Doch diesmal hatte ich zwischendurch immer mal wieder Probleme damit. Winslow beherrscht die Charakterzeichnung wie kein zweiter. Man lernt Boone und seine ‚Dudes‘ sehr genau kennen und lieben. Niemand ist in diesem Universum perfekt, sondern interessant und gehaltvoll gezeichnet. Wie meist reicht seine Genauigkeit allerdings bis weit in die Nebencharaktere hinein und wurde mir in diesem Krimi einfach ein wenig zu viel. Besonders in Kombination mit den genauen Beschreibungen der Umgebung. Besonder gut kommt die locker-entspannte Atmosphäre der Surfwelt herüber. Ich will auch gar nicht sagen, dass ich darauf verzichten will. Ja, man braucht Beschreibungen und liebevoll ausgearbeitete Charaktere, damit man sich zum einen wohlfühlt und sich in das Buch hineinversetzen kann, aber auch um eine glaubhafte und realistische Erzählung vor sich zu haben, an der man dran bleibt. Aber bitte, Mr. Winslow, was genau wollten Sie mir mit einer 7 ½ seitigen Beschreibung über den Highway 101 sagen, den Boone befährt um von Punkt A nach Punkt B zu kommen? Man kann es auch übertreiben. Hiervon das nächste Mal gerne wieder etwas weniger. Aber das erstaunlichste an seinem Schreibstil, der Figurenzeichnung und Umweltbeschreibung ist, dass es für mich sowohl ein Plus als auch ein Minus ist. Mr. Winslow – bleiben Sie bei Ihrem Stil, aber kürzen Sie sich ein bisschen. 😉

Fazit:
Eine spannend entspannte Ermittlung, hinter der mehr steckt, als man ahnt, führt mit kleineren Längen in den Beschreibungen, zu einem grandiosen Finale, welches mich als Leser höchst zufrieden den Krimi zuklappen lässt. Von mir gibt es 4 ½ Schafe.

4 und ein halbes Schaf

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