Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Düster und schonungslos: Die Bestien von Belfast – Sam Millar

3 Comments

9783855355105
Sam Millar – Die Bestien von Belfast
Verlag: Atrium
286 Seiten
ISBN: 978-3855355105
16,95 €

 

 

 

 

Vorab:
Sam Millar ist ein Gangster. Geboren und aufgewachsen in Nordirland, war er Mitglied der IRA und einige Jahre im Gefängnis, bevor er in die USA übersiedelte. Er war an einem großen Banküberfall auf das Transportunternehmen Brink’s, der 1993 stattfand, beteiligt, mutmaßlich der Kopf des Ganzen. Er wurde gefasst, begnadigt und ging wieder nach Nordirland, wo er Kriminalromane schreibt. Karl Kane, der Protagonist von „Die Bestien von Belfast“, soll dem dem Autor ähneln, da er genauso vom frühen Verlust seiner Mutter geprägt ist.
Das ist doch mal ein seltener Lebenslauf bei einem Autor und mir gleich aufgefallen. Millar kann praktisch aus eigenen Erfahrungen schöpfen und seine Thriller so bereichern. Ob das auch klappt? Hier meine Meinung dazu.
Mehr über Sam Millar.

Meine Meinung:
Die ersten paar Seiten von „Die Bestien von Belfast“ katapultieren den Leser mitten in eine fürchterlich schreckliche Szene: eine junge Frau, vergewaltigt und verprügelt, liegt auf dem Boden und hört Hunde näher kommen, Hunde die sie zerfleischen werden. Das Bild, welches Sam Millar hier kreiert, war ziemlich grauslig und das obwohl es nur ein kurzer Abschnitt ist und ich eigentlich nicht sehr zart besaitet bin. Seine Beschreibung der Szene war distanziert und dadurch noch einprägsamer als eh schon. Dann erfolgt ein plötzlicher Wechsel zu den Tätern, die zurückkommen und ihre Tat zu verschleiern suchen. Der Prolog trägt den Titel „Blutiger Sommer, 1978“ – wie wahr.

Als man dann ins Hier und Jetzt wechselt lernt man kurz hintereinander mehrere Personen kennen, was mich ein wenig verwirrt hat. Das Buch ist kurz und die Figuren, abgesehen vom Protagonisten, eher flach und eben schnell wieder vergessen. Aber man lernt eben auch Karl Kane kennen, einen Privatdetektiv, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt. Er hat eine Exfrau, die ihn ausbluten lässt, eine Sekretärin, die auch seine Geliebte ist, und wenig Aufträge. Deshalb kommt der Auftrag von Mister Munday gerade recht. Er will mehr über den Mord an einem Mann im Park wissen. Für Karl leicht verdientes Geld und er stürzt sich auf diesen Auftrag. Dazu kontaktiert er seine Kumpels bei der Polizei. Na ja, mehr oder weniger Kumpels. Kane wurde bei der Aufnahme abgelehnt und dementsprechend beissend sind die Gespräche, mal abgesehen davon, dass ihre moralischen Werte ziemlich weit auseinander gehen. Und noch nebenbei bemerkt: Karl ist hier der Gute. Zum Glück hat er aber einige andere alte Freunde, die ihm helfen. Doch der Auftrag stellt sich nach und nach als nicht ganz so einfach heraus, wie gedacht.

Karl Kane. Ich hab nochmal nachgeblättert, aber nicht viel über ihn gefunden. Spindeldürr und hochgewachsen wird er beschrieben. Und er hat Hämorriden. Ich stelle ihn mir mit Trenchcoat und Hut vor, leicht gebeugt und tropfnass vom Regen (das passiert tatsächlich!). Und das einfach, weil die Stimmung des Buches mir diese Vorstellung suggeriert. Sam Millar zeichnet ein Belfast voll mit korrupten und/oder unfähigen Bullen, einem Hort voll Verbrechern und zwielichtigen Gestalten und ungemütlichem Wetter. Die Atmosphäre ist unheimlich. Nicht gespenstisch unheimlich, sondern einfach knisternd. Und da passt Karl Kane – Privatdetektiv, da er kein Bulle werden durfte – einfach rein. Zugegebenermaßen beeinflusst mich auch seine Privatdetektei und seine Sekretärin/Geliebte zu dieser Vorstellung. So (aber natürlich nicht genau gleich) erhoffe ich mir immer den Protagonisten eines Hardboiled Krimis, doch nicht immer werden meine Hoffnungen erfüllt.

Die Handlung findet nicht nur aus Karls Sicht statt, sondern man erlebt auch die Sichtweise der Täterin und es gibt Ausflüge in die Vergangenheit. Diese haben mich anfangs sehr verwirrt, da ich diese mit dem Fall in Verbindung bringen wollte, doch die Verbindung besteht zu Karl, nicht zu dem Fall. Die Taten sind durchweg recht grausam, alle Opfer wurden gefoltert. Doch die Tötungsarten sind sehr unterschiedlich und – ja, ich kann es nicht anders sagen – einfallsreich. Die Täterin ist von Rache getrieben und steckt ihre Genialität und Gemeinheit in die Ausarbeitung ihrer Taten. Wer die Täterin letztendlich ist, hat mich total umgehauen. Das hätte ich nie gedacht.

Karl Kane löst den Fall. Das an sich ist vermutlich keine große Überraschung. Erstaunlich ist aber, dass niemand geringeres als Scarlett Johansson der Tipp zur Lösung ist. Ihr wollt wissen, warum? Lest es selbst. Aber dies war auch der einzige positive Aspekt an der Lösung. Das Ende ist düster und deprimierend. Und doch siegt die Gerechtigkeit, auch wenn Sam Millar dem Ganzen am Ende einen Dämpfer versetzt. Nun kann man sich natürlich fragen, warum man das Buch lesen sollte, wenn das Ende so düster und deprimierend ist. Na ganz einfach: wer will schon ein kitschiges Happy End?

Fazit:
Atmosphärisch dicht, mit dem kantigen Karl Kane und einer raffinierten Täterin ausgestattet – Hardboiled as it can be. Abgesehen von einigen Kleinigkeiten war der Thriller ein Genuss und von mir gibt es 4 Schafe.

4 Schafe

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3 thoughts on “Düster und schonungslos: Die Bestien von Belfast – Sam Millar

  1. Oh ja, dieses Buch habe ich auch geliebt: http://mycrimetimeblog.wordpress.com/2013/12/08/vergebung-ist-ein-gemeines-aas-die-bestien-von-belfast-von-sam-millar/ Dementsprechend kann ich bei deiner Rezension nur von ganzem Herzen zustimmend nicken. Der zweite Band der Reihe hat mich dann aber leider nicht mehr so überzeugt: http://mycrimetimeblog.wordpress.com/2014/01/12/mittelfingerspielereien-die-satten-toten-von-sam-millar/

    • Ah, Band zwei steht auf meiner Weihnachtswunschliste. Mal sehen, wie mir der so gefällt… hast Du denn mittlerweile auch Band drei gelesen?

      • Nein, habe ich nicht. Band zwei fand ich so langweilig, dass ich gar nicht mehr verfolgt habe, wann der dritte Teil herauskommt. Scheint ja schon geschehen zu sein. 😉

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