Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Es gibt keine Toten – Anne Kuhlmeyer

8 Comments

esgibtkeinetoten

Anne Kuhlmeyer – Es gibt keine Toten
Verlag: KBV
301 Seiten
ISBN: 978-3954411603
9,50 €

 

 

Inhalt:
Kommissarin Marlene Katz wird zu einem Tatort gerufen: ein Mann wird erhängt im Keller seines Hauses gefunden. Selbstmord? Oder doch eher Mord? Marlene und ihr Kollege Gregor ermitteln. Doch eigentlich ist die Dienststelle überbesetzt und Marlene soll weichen. Von der neuen Dienststelle abgestoßen, einem von ihr verursachten Unfall und mit einem aus den Fugen geratenem Privatleben trifft sie zufällig auf Daniel Schönfelder, den Chef einer Leipziger Sicherheitsfirma. Die beiden verstehen sich gut und Daniel bietet Marlene einen Job in seiner Firma an. Kurzentschlossen nimmt Marlene an und ist schon am Tag darauf in Leipzig – mittendrin in einem Bombenattentat auf das Völkerschlachtdenkmal, einen Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus und fünf Toten. Der Rechtsradikalismus hält Leipzig gefangen, doch es gibt auch einen extremen linken Flügel. Daniel überredet Marlene im „Ring nationaler Frauen“ auf Tätersuche zu gehen, doch Marlene lässt der Selbstmord nicht los, vor allem, als sie in Leipzig auf eine verschwundene Zeugin trifft…

Meine Meinung:
Diesen Krimi habe ich auf Lovelybooks in einer Leserunde gewonnen. Zugegebenermaßen fand ich die Leserunde schwierig, da es keine Abschnitte gab, sondern nur eine Plauderecke und eine für Rezensionen. Die Autorin bzw. der Verlag meinte, dass die bisherigen Leser das Buch meist in einem Rutsch durch gelesen haben. Das gelingt mir nur selten und dazu muss ich mir auch einen Sonntag freihalten – was eben neben Arbeit, Studium und Familie schlicht nicht oft möglich ist. Demnach hat es auch ein bisschen gebraucht, bis ich das Buch beendet hatte. Ich musste dann allerdings noch ein, zwei Tage alles sacken lassen, denn der Krimi ist schon einer, der nachdenklich stimmt.

Erstmal zum Stil der Autorin. Die Kapitel sind alle recht kurz, mitunter sogar nur eine viertel Seite lang und lesen sich flüssig und ‚gschwind‘ weg. Die Spannung wird permanent recht hoch gehalten, Marlene stürzt praktisch von einem Ereignis zum anderen – und stürzen meine ich hier nicht im Sinne von überrumpelt, sondern einfach von einer schnellen Abfolge.

Marlene Katz, die Protagonistin, ist nicht lieb, nett und sympathisch, sondern hat Ecken, Kanten, ist auch mal zickig oder übel gelaunt, weiß eben nicht immer was sie will und was in dem Moment gerade richtig ist. Dieses Portfolio macht ihre Figur aber umso authentischer und real. Klar kann man beim Lesen sagen, dass man in der Situation anders gehandelt hätte, doch oft sind es eben nur Minuten oder gar Sekunden und schon steht man da mit einer Entscheidung, von der man weiß, die war falsch. Marlene ist schlicht und einfach ein normaler Mensch, der sich von seinem Privat- und Berufsleben abgestoßen fühlt und ein neues Ziel und Zuhause sucht. Nicht ganz klar ist mir, welche Rolle Hagemann, ein kürzlich verstorbener Freund/Bekannter, in ihrem Leben gespielt hat.
Daniel Schönfelder ist undurchsichtig und doch so offen. Seine radikale Einstellung gegenüber den Rechtsradikalen macht ihn zu nichts anderem als einem weiteren Radikalen – eben nur auf der anderen politischen Seite. Ich verstehe, wenn die Wut überkocht, doch aktiv Gewalt gegen Gewalt streuen, stößt bei mir auf Unverständnis. Nichtsdestotrotz bauen diese gegenseitige herrschende Radikalität und Gewalttätigkeit zwischen den beiden Seiten die Spannung auf, bis diese explodiert – und hier auch im wahrsten Sinne des Wortes.
Außer Gregor, Marlenes Ex-Kollege und –Liebhaber und Lara, der verschwundenen Zeugin, bleiben die anderen Charaktere nur Randfiguren. Zwar mit Eigenheiten, die einen mitunter schmunzeln lassen, aber eben nur nebenbei.

Marlene wird von Daniel in die Radikalität seiner Gruppe hineingezogen und kann sich irgendwie nicht richtig daraus lösen, auch wenn ihr durchaus bewusst ist, dass sie falsch handelt bzw. Daniel und seine Freunde falsch handeln. Doch irgendwann ist sie so tief verstrickt, dass sie fast nicht mehr herauskommt und in der Falle steckt. Das Thema ist auf jeden Fall spannend, interessant und kontrovers, doch die Handlung und das Ende waren für mich nicht wirklich überraschend. Gewalt erzeugt Gewalt und kann niemals die Lösung sein. Die Demo am Ende war stilistisch wirklich gut ausgearbeitet, grundsätzlich mag ich Enden, die eben kein Happy End sind und einen dann auch noch zum Nachdenken anregen, doch zugegebenermaßen hätte ich mir doch noch eine überraschende Wendung am Ende gewünscht. Aus diesem Grund gehe zutiefst nachdenklich, doch ein klein wenig unbefriedigt aus dem Krimi hervor.

Fazit:
Eine Vertreterin von Recht und Ordnung mit Ecken und Kanten mitten zwischen radikalen Gruppen und Terrorakten – das sorgt für Spannung, doch leider mit einem für mich recht vorhersehbaren Ende. Von mir gibt es 4 Schafe.

4 Schafe

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8 thoughts on “Es gibt keine Toten – Anne Kuhlmeyer

  1. Schafe hin – Schafe her. Egal ob 4 oder 5!
    Für mich wichtig – und für gut empfunden – war, dass es sich hier um ein Thema mit aktuellem Bezug handelt, dass sowohl sorgfältig als auch spannend beschrieben wurde. Zudem ist ein (für mich) vorhersehbares Ende lieber, als ein Ende, bei dem ich über weite Strecken des Buches verschaukelt werde, weil wesentliche Teile, die zur Lösung führen, in keiner Weise erwähnt werden, der Täter so einfach vom Himmel fällt. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht gern auf falsche Fährten locken lasse.
    Meine Ansichten zu dem Buch: http://krimilese.wordpress.com/2014/04/07/anne-kuhlmeyer-es-gibt-keine-toten/
    (Bitte den Link löschen, wenn du ihn nicht hier sehen möchtest)
    Beste Grüße, Philipp

    • Du hast natürlich recht – mir ist ein vorhersehbares Ende auch lieber, als ein Ende, welches plötzlich erscheint und vorher gar nicht abzusehen bzw. sogar mit Hinweisen in verschiedene andere Richtungen gedeutet wurde.
      Nichtsdestotrotz wollte ich zumindest erwähnen, dass das Ende für mich vorhersehbar war. Wobei das bei vielen anderen in der Leserunde wohl nicht der Fall war – somit ist für viele andere Leser auch Überraschung am Ende garantiert. Das absolute Plus ist einfach das Thema – es lässt einen eben nachdenklich zurück. Und das ist leider bei vielen Krimis/Thriller nicht oft so. Ich hoffe, dieser Punkt ist in der Rezension gut rübergekommen.

      Grüßle,
      Christina

  2. Auf die Rezension war ich ja schon sehr gespannt! Werde das Buch nun wohl endgültig auf meiner Wunschiste eintragen, klingt wirklich gut, besonders wenn die Spannung da war und der Stil flüssig zu lesen ist.

    Leserunde ohne Abschnitte klingt schwierig. Manchmal sind zu viele oder zu kurze Leseabschnitte störend, aber gar keine machenden gezielten Austausch kompliziert, oder?

    LG, WortGestalt

    • Ja, ein Austausch war leider nicht so richtig vorhanden. Man hat beschlossen, dass man dann vor einem Kommentar die Seitenzahl nennt, damit niemand Kommentare zu etwas liest, was er selbst noch nicht gelesen hat, aber mit sowas lassen sich meine Augen leider nicht austricksen – die wandern dann doch zu den ‘verbotenen Stellen’. Was ich gerade bei diesem Buch echt schade finde, denn gerade so ein Thema regt ja zu intensiven Diskussionen an. Egal – das Buch war trotzdem gut und kann nur empfohlen werden.

      LG, DunklesSchaf

  3. Reblogged this on Wort & Tat and commented:
    Wie schön! Ein neuer Eindruck zu meinem Krimi:

  4. Pingback: Die Leipziger Buchmesse und ich – 2. (und für mich letzter) Tag | Die dunklen Felle

  5. Pingback: Über die Grenzen: Drift – Anne Kuhlmeyer | Die dunklen Felle

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